Malte Rubarth
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Malte Rubarth
© Alice Rubarth
“Man stelle sich einen Menschen vor, der sich auf eine längere Bahnreise begibt und beschließt, nur gelegentlich aus dem Fenster zu schauen, um sich mit Bewusstsein der Landschaft zu widmen, die er durchreist.
Dieser Mensch müsste sich von Anbeginn darüber klar sein, dass ihm auf diese Weise viele landschaftliche Schönheiten entgehen, die an ihm vorbeirauschen, ohne dass er sie beachtet. Wer würde schon eine Reise, die er nicht ein zweites Mal antreten wird, so gestalten.
Und dennoch gibt es eine Landschaft, die wir so behandeln, als lohne sich nur in größeren Abständen, etwa bei jeder zehnten Haltestelle, ein genauerer und besinnlicher Blick: das ist die Landschaft unseres Lebens, die wir durchreisen.
Da gehen wir zu Beginn sogar besonders verschwenderisch mit den Haltestellen um. Zwar zählen wir sie sorgfältig, machen dezimale Zäsuren, die uns wohl auch Anlass sind, die Gläser erklingen zu lassen, aber unsere besondere Beachtung scheint die Landschaft unserer Reise zunächst wenig zu verdienen.
Dann aber, im weiteren Verlauf, je länger sie dauert, desto mehr beginnt man, sich der Landschaft bewusst zu werden, durch die sie führt, und durch die sie geführt hat. Und bei jeder neuen Tunneldurchfahrt, die uns das Abteil für eine Weile verdunkelt, stellt sich größere Nachdenklichkeit ein.
Bei der fünfzigsten Station hält man auf einmal besonders bewusst inne, etwa so, als habe man nun bestenfalls die Hälfte der Reise zurückgelegt, obgleich nirgendwo ein Fahrplan aushängt, auf dem wir nachlesen können, wie lange unsere Reise überhaupt dauert.
Schließlich dämmert uns doch die Einsicht, dass man natürlich nicht weiß, wann die Halbzeit ist; dass man jedoch mit einiger Gewissheit davon ausgehen muss, sie nunmehr bereits hinter sich zu haben, und dass also die verbleibende Strecke kürzer sein wird, als die bisher zurückgelegte. Das ist dann für manchen von uns der Moment, sich nicht ohne Betroffenheit um einen Fensterplatz zu bemühen, um jetzt endlich intensiver zu reisen.
